Hubertus von der Goltz  
 
Hubertus von der Goltz und die Kunst des Gleichgewichts

Hubertus von der Goltz verfolgt seit mehr als drei Jahrzehnten ein einziges Thema: Die im Raum balancierende menschliche Gestalt. Aus dieser Konzentration ist nicht nur ein hoher Wiedererkennungswert der Werke des Künstlers erwachsen, sondern ein formaler Reichtum, der sich aus der unablässigen Erweiterung des ursprünglichen Bildschemas speist.

Nach einem Studium an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin (heute Universität der Künste Berlin), das Hubertus von der Goltz 1977 als Meisterschüler von Joachim Schmettau abschloss, verbrachte der Künstler ein Jahr in Florenz als DAAD-Stipendiat. Dieser Aufenthalt geriet zum Schlüsselereignis für seine weitere künstlerische Entwicklung. Aus einem kritischen Lebensgefühl und der Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen entdeckte Hubertus von der Goltz dort für sich das Thema der Balance, in dem es, wie er in einem Statement festhielt, um die Frage nach der menschlichen Existenz zwischen Denken, Handeln und Sein  geht. Ausgelöst wurde dieser Grundgedanke unter anderem durch den visuellen Eindruck der Geschlechtertürme San Gimignanos, wie sie sich als geometrische Silhouetten vor dem toskanischen Himmel abzeichneten, und deren Verknüpfung mit balancierenden Gestalten sich zu einem tragenden Schema der weiteren Arbeiten heranbildete. Die bis auf ihren Schatten gleichsam reduzierte menschliche Figur beinhaltete für Hubertus von der Goltz eine radikale Abkehr von der bislang erlernten volumenbezogenen Formung des Körpers. Er manifestiert sich dadurch nicht in seiner physischen Präsenz, sondern in der scheinhaften Chiffre einer Umrisszeichnung, die sich auf den ersten Blick als ungreifbar und flüchtig zu erkennen gibt.

Der Erfolg dieser Bildfindung stellte sich schon bald ein. Angefangen mit der Arbeit Der Mensch zwischen Himmel und Erde  von 1982 für den Flughafen Tegel realisierten sich Hubertus von Goltz  Balancefiguren in einer bis heute anhaltenden Reihe von Ausstellungen und großen Kunst- am-Bau-Projekten. Die auf Stäben, Streben, Pfählen, Geländern oder im Raum verspannten Linien balancierenden Figuren lassen sich als verdichtete existentielle Erzählungen lesen. Unter der ständigen Drohung des Absturzes wird das Wagnis unseres Lebenswegs in den Schranken des Gegebenen spürbar. Es sind Sinnbilder für Gefährdungen innerhalb eines begrenzten Spektrums von individuellen Wahlfreiheiten und implizite Aufforderungen, sich auf das eigene Tun zu konzentrieren. Auf formaler Ebene sind es keine autonomen Skulpturen. Sie entfalten ihr eigentliches Potential durch die spezifische installative Beziehung zu ihrem jeweiligen Umraum, die erst durch die Mitwirkung der Betrachter gleichsam aktiviert werden.

Ihre Struktur als Stellvertreterfiguren offenbart sich im Vergleich zu beispielweise Caspar David Friedrichs berühmten Mönch am Meer  von 1808-10. Doch während die Rückenfigur in Friedrichs Bild zur sentimentalistischen Identifikation einlädt, um die erhabene Offenheit der Landschaft erfahrbar zu machen, sind Hubertus von der Goltz  Schattenrisse im Wesentlichen perspektivisch gestimmt. Die Betrachter setzen dabei ihren eigenen Körper als Maßstab ein und bringen sich in ein frei skalierbares Verhältnis zur Silhouette im Raum. Bei dieser vom jeweiligen Standpunkt abhängigen Beziehung ist die tatsächliche Größe der Figur völlig unerheblich. Die bis auf geschlechtliche Unterschiede gänzlich typisierten, universell verständlichen Figuren-Silhouetten sind für den Betrachter Projektionsflächen eigener Erlebnisse. Der Trick  funktioniert sowohl bei großen Figuren in der Entfernung als auch bei kleinen in der Nähe, so lange der Hintergrund räumlich neutral ist, sich also die Skulpturen vor einer Wand oder vor dem Himmel abzeichnen, und das Tragwerk im gleichen Maßstab wie die Figuren gebildet wurde. Genau in diesem Moment verschmelzen Skulptur und Raum zu einer neuen Kategorie, die sowohl optisch bildhaft als auch mittels ihrer materiellen Wirklichkeit wirksam ist.

Marc Wellmann, 2013